#1

Kampfmittel in Nord- und Ostsee

in Historische Hintergründe und wahre Begebenheiten 01.02.2006 17:10
von DuV-Fanclub Gründungsmitglied | 1.056 Beiträge

hallo Freunde!

Hier mal ein alarmierender Artikel aus der "Welt am Sonntag" zum Thema Kampftstoffe in Nord- und Ostsee ... auf diesen Grundfakten basiert ja die Visierfolge "Depot im Skagarrak":

Zeitbomben in der Ostsee

Gefährliche Hinterlassenschaft aus dem Zweiten Weltkrieg: 300.000 Tonnen Giftgas und Munition liegen auf dem Meeresgrund

Von Jochen Gaugele

Rønne - Wenn Rubi Enemark Jensen, 54, mit seinem Boot den Hafen von Neksø verlässt und zu den Fischgründen im Osten von Bornholm fährt, darf er einen kleinen, weißen Eimer nicht vergessen. Flaschen mit Medikamenten finden sich darin, auch Mullbinden - und ein Merkblatt der staatlichen Fischereibehörde: "Fiskeri og krigsgas", Fischerei und Kriegsgas.

Vor einigen Monaten hätten Rubi Enemark Jensen und seine Besatzung das Erste-Hilfe-Set um ein Haar gebraucht. Mit ihrem Netz holten sie nicht nur zwei Tonnen Fisch an Bord, sondern auch eine alte Senfgasbombe. Nach dem Zweiten Weltkrieg, zwischen 1945 und 1947, hatte die Sowjetunion nahe der Ostseeinsel Bornholm mindestens 35000 Tonnen Munition mit chemischen Kampfstoffen versenkt. Sie stammten aus Hitlers Arsenal. Die Besatzungsmacht wollte die verbliebene Munition Nazi-Deutschlands um jeden Preis loswerden. In den Ostseehäfen Wolgast und Peenemünde luden die Sowjets die tödliche Fracht auf Schiffe, fuhren raus aufs Meer und kippten sie über Bord. Überwiegend handelte es sich um Lost, Senfgas in flüssiger Form, aber auch um arsenhaltige Stoffe wie Clark oder Adamsit.

Für Rubi Enemark Jensen ist das Unfassbare zur Gewohnheit geworden. "Zehnmal hatte ich das Gift schon in meinem Netz", berichtet er. "Auf Bornholm gibt es keinen einzigen Fischer, der mit dem Zeug noch nicht in Berührung gekommen wäre." Mal sind es Bomben und Granaten, mit tödlichem Kampfstoff gefüllt, mal reine Senfgasklumpen. Wenn die Hüllen durchrosten, läuft der Kampfstoff aus und vermischt sich mit Sand.

Die Fischer brauchen ein gutes Auge, wollen sie unversehrt bleiben, denn im Netz sehen die Klumpen aus wie harmlose Lehmbrocken. Tückisch ist auch, dass mehrere Stunden vergehen, bis sich die ersten Symptome einer Senfgasvergiftung zeigen: Die Haut rötet sich und bildet Blasen, die Augen tränen unablässig, die Atemwege verengen sich. In schweren Fällen, so heißt es in einer Studie des Hamburger Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie, folgen "Apathie, Siechtum und Tod".

Auf Bornholm unterhält das dänische Militär eine Basis mit Giftgasspezialisten, die sich rund um die Uhr bereit halten. Wenn ein Fischer Alarm schlägt, rücken die Männer vom Rettungstrupp mit Schutzanzügen und Gasmasken an. Doch sie wissen sich nicht anders zu helfen, als die geborgene Munition wieder ins Meer zu werfen.

Gefahr droht auch jenseits des Bornholmbeckens. Denn die Siegermächte entschlossen sich nach 1945 einmütig, den gesamten C-Waffen-Bestand Nazi-Deutschlands - insgesamt rund 300000 Tonnen Munition, von denen ungefähr 15 Prozent reiner Kampfstoff waren - verschwinden zu lassen. Den größten Teil versenkten Westalliierte und Sowjetunion in Ost- und Nordsee. An welchen Stellen wie viel Giftgas niederging, ist allenfalls annähernd geklärt. Die Studie des Bundesamts für Seeschifffahrt führt folgende Gebiete an:

Im Skagerrak ließen britische, amerikanische und französische Besatzungsbehörden rund 130000 Tonnen chemischer Kampfstoffe auf Grund - samt der Schiffe, die das Gift transportiert hatten. Mehr als 40 solcher Schiffe liegen zwischen Norwegen und Dänemark im 600 bis 800 Meter tiefen Norwegengraben. Inzwischen bestätigten die Briten, dass es im Skagerrak einen weiteren Schiffsfriedhof mit 20000 Tonnen Senfgas und anderen Giftstoffen gibt es in 200 Meter Tiefe bei Lysekil.

Südlich von Gotland wurden auf Befehl der sowjetischen Militäradministration rund 2000 Tonnen Kampfstoffmunition in 70 bis 120 Meter Tiefe versenkt. Weil der Weg von Wolgast und Peenemünde zum Gotlandbecken allzu weit erschien, beschlossen die Sowjets, sich der verbliebenen 35000 Tonnen kurzerhand im 70 bis 100 Meter tiefen Bornholmbecken zu entledigen.

Südlich des Kleinen Belts versenkte die deutsche Marine in den letzten Kriegstagen zwei Schiffe. Sie enthielten Zehntausende Granaten mit dem Nervenkampfstoff Tabun, die nicht in die Hände der Sieger fallen sollten. Sicherheitshalber wurden die Granaten in den Jahren 1959 und 1960 aus den Schiffen geborgen, in Betonkörper gegossen und im Golf von Biskaya über Bord geworfen. 5000 Tonnen Kampfstoffmunition, vorwiegend mit Tabun und dem Lungenkampfstoff Phosgen, verblieben allerdings an der 30 Meter tiefen Stelle.

Über die Zusammensetzung der Munition im Meer liegen keine gesicherten Angaben vor. Zwischen 1935 und 1945 ließ Hitler eine Vielzahl chemischer Kampfstoffe produzieren. Die Nervenkampfstoffe Tabun, Sarin und Soman wie auch den Lungenkampfstoff Phosgen werten Toxikologen als geringeres Übel. Rosten die Behälter durch, werden die Chemikalien im Meerwasser rasch zu weniger giftigen Stoffen abgebaut. Dagegen bildet Senfgas, das mit Haltbarkeitsmitteln versetzt ist, jene hochgiftigen Klumpen, mit denen die Fischer vor Bornholm zu kämpfen haben. Auch die arsenhaltigen Atemreizstoffe Clark I, Clark II und Adamsit lösen sich sehr langsam in Wasser. Ihre Abbauprodukte enthalten ebenfalls Arsen, das sich in Pflanzen und Tieren anreichern kann.

Das Problem ist drängender denn je. Erst kürzlich warnte Boris Porfiriev von der Russischen Akademie der Wissenschaften: "Auf dem Meeresgrund tickt eine chemische Zeitbombe." Die größte Gefahr sieht er im Skagerrak. Vor der südwestlichen Küste Schwedens bei Lysekil seien "extrem hohe Konzentrationen von Senfgas, Arsen und Schwermetallen" festgestellt worden. "Wenn keine wirksamen Maßnahmen ergriffen werden, um die chemischen Kampfstoffe zu sichern, könnte sich zwischen 2002 und 2005 eine große Katastrophe anbahnen", so Porfiriev. In dieser Zeit würden die meisten Granaten korrodieren.

Niels-Peter Rühl vom Bundesamt für Seeschifffahrt bestreitet dies. Die unter seiner Führung erstellte Studie kommt zu dem Schluss: "Eine großräumige Gefährdung des marinen Milieus durch im Meerwasser gelöste Kampfstoffe kann ausgeschlossen werden." Risiken für den Verbraucher durch kontaminierten Fisch seien "unwahrscheinlich und bisher nicht belegt".

Dass versenkte Munition oder Kampfstoffreste an die Küsten getrieben werden, ist laut Bundesamt "praktisch auszuschließen". Jedoch erinnern sich Zeitzeugen an einen Bombenfund am Selliner Strand auf Rügen 1954. Und im Februar 1992 fanden Spaziergänger am Sandstrand von Dueodde auf Bornholm eine 250 Kilogramm schwere Bombe mit Senfgas.

Der renommierte Kieler Toxikologe Alsen-Hinrichs klagt an: "Die Regierungen der Ostseestaaten verschleiern und bagatellisieren das Problem, weil sie eine Riesenangst vor den Kosten haben, die mit einer Bergung verbunden wären." Alsen-Hinrichs fordert: "Man muss das Zeug dringend bergen und vernichten."

Völkerrechtlich ist unklar, wer für die Kampfstoffmunition, die in internationalen Gewässern liegt, verantwortlich ist. Wer käme für die Bergung und Vernichtung auf, für Kosten, die sich nicht einmal ansatzweise schätzen lassen? Vor Jahren hatte sich Dänemark bereit erklärt, die Herausforderung anzunehmen - vorausgesetzt, die anderen Ostseestaaten würden sich an der Finanzierung beteiligen. Doch die Anrainerstaaten verweigerten jede Hilfe.


Wie machen die das nur ... ?


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#2

RE: Kampfmittel in Nord- und Ostsee

in Historische Hintergründe und wahre Begebenheiten 07.02.2006 14:38
von Karli
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Das ist ja ein Ding, da führen die Fischer schon Schutzausrüstung mit,
und der deutschen Bevölkerung versucht man einzureden, alles sei im grünen( ! )
Bereich, wahrscheinlich der Kosten wegen.


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